Essay Säkularer Humanismus

Vernunft, Natur, Würde

Der weltliche Humanismus als philosophische Lebensform — In Dankbarkeit gewidmet Joachim Kahl
I

Eine Frage, die nicht altert

Es gibt Fragen, die sich nicht erledigen lassen. Nicht weil die Philosophie zu schwach wäre, sie zu beantworten, sondern weil sie nicht hinter ihr, sondern in ihr selbst liegt — eingeschrieben in die Struktur des menschlichen Daseins. Wie soll ein Mensch leben? Das ist die älteste und drängendste unter ihnen. Nicht: Welchen Beruf er wählen, welcher Partei er sich anschließen, welchem Lebensplan er folgen soll. Sondern tiefer, langsamer, beunruhigender: Aus welchem Geist heraus soll er überhaupt wählen? Aus welchem Selbstverständnis seiner Endlichkeit, seiner Freiheit, seiner Würde?1

Vor dem Menschen liegt ein Abgrund aus Zeit und Zufall. Homo sapiens ist das überraschendste und keineswegs vorhergesehene Produkt einer Geschichte, die Milliarden Jahre älter ist als er, die ihn nicht geplant, nicht erwartet, nicht gewollt hat.2 Wer das wirklich begreift — und nicht bloß als Bildungsinformation registriert —, dem stellt sich die Frage nach dem guten Leben mit einer völlig neuen Schärfe. Denn wenn niemand für uns geplant hat, müssen wir selbst planen. Wenn niemand für uns Sinn gestiftet hat, müssen wir ihn selbst stiften.3

Der weltliche Humanismus weigert sich, dieser Sehnsucht durch Schmeichelei zu begegnen. Er weigert sich aber ebenso, sie zu verachten. Er nimmt sie ernst — und antwortet mit dem, was er für das einzig redliche Mittel hält: mit Vernunft, die durch Herzensbildung beseelt ist; mit Klarheit, die durch Empfindung vertieft wird; mit einer Philosophie, die nicht im Hörsaal endet, sondern im gelebten Leben erst beginnt.6

II

Die Schere der Zeit — und die Würde des Augenblicks

Eine der tiefsinnigsten Denkbewegungen der neueren Philosophie hat das Grundverhältnis des Menschenlebens in ein präzises Bild gefasst: die Schere.7 Auf der einen Seite die Weltzeit — der kosmische Lauf der Dinge, der vor uns war und nach uns sein wird. Auf der anderen Seite die Lebenszeit — jenes unwiederholbare, unwiderruflich endliche Stück Zeit, das jedem Einzelnen zur Verfügung steht. Je mehr der Mensch über die Welt weiß, desto deutlicher wird ihm, wie wenig Zeit er hat, sie zu erfahren.

Und doch liegt gerade in dieser Schere die Voraussetzung für das, was das Leben dem Kosmos verleiht: Erleben. Erlebnis wird Welt nur durch Leben. Die gleichgültige Natur kann durch sich selbst nichts erleben. Nur im Bewusstsein des endlichen Wesens wird sie zur erlebten Welt.8

„Der Mensch ist nicht das Maß aller Dinge im alten, naiv anthropozentrischen Sinne. Er ist aber der einzige Ort, an dem die Welt sich selbst als bedeutsam erfährt."

— O. Gramstedt, in Anlehnung an Blumenberg
III

Meinung und Wirklichkeit — die formgebende Macht des Urteils

Bevor der weltliche Humanismus von Vernunft, Natur und Würde sprechen kann, muss er bei einer Einsicht beginnen, die ein großer Essayist des 16. Jahrhunderts mit seiner unnachahmlichen Mischung aus Gelehrsamkeit und Selbstbeobachtung zur Lebensphilosophie verdichtet hat:10 Die Menschen werden nicht von den Dingen gequält, die sie treffen, sondern von den Meinungen, die sie über diese Dinge hegen.11

Das ist kein Idealismus. Es erkennt aber: Zwischen Ereignis und Reaktion liegt stets ein Spielraum — ein Spielraum der Haltung, des Urteils, der inneren Formgebung. Und gerade dieser Spielraum ist es, in dem sich das Menschliche entscheidet.14

Was wir für Naturgesetz halten, für selbstverständlich, für unveränderlich moralisch verbindlich — das ist in Wahrheit fast immer nur Gewohnheit. Eine listige Schulmeisterin ist die Gewohnheit, die zunächst unmerklich einzieht und sich dann tyrannisch festsetzt, bis man glaubt, sie sei Natur.15

IV

Die Philosophie als Lebensform — und der Mensch als Aufgabe

Wann hat man gelernt, wie man leben soll, wenn das Leben schon vorbei ist?19 Nicht die Schule macht den Weisen, sondern das Leben. Das Wissen muss als lebendiger Geist in die Seele eingeblasen werden, nicht bloß wie ein Kleid umgehängt. Kleider wärmen uns nicht durch ihre eigene Wärme, sondern durch unsere; sie halten sie nur zurück.20

Es gibt in der Philosophie etwas, das sie von jeder Schulunterweisung unterscheidet: ihre Heiterkeit. Die Philosophie ist ihrer Natur nach heiter, ja freudig. Nichts ist heiterer, lebendiger. Sie predigt einzig Freude und Wohlergehen. Verdrießliche und griesgrämige Gesichter sind ein Zeichen dafür, dass sie dort nicht wohnt.22

V–VI

Würde ohne Gott — Vernunft ohne Transzendenz

Der weltliche Humanismus bestreitet nicht die Tiefe der religiösen Fragen. Er bestreitet die Angemessenheit der religiösen Antworten. Joachim Kahl hat in seinem grundlegenden Werk gezeigt, wie das Christentum — und mit ihm jede theologische Weltdeutung — die menschliche Würde systematisch unterminiert, indem es sie an eine externe Instanz bindet, die der Mensch weder wählen noch verantworten kann.23

Die Alternative ist nicht Nihilismus. Die Würde des Menschen gründet in seiner Fähigkeit zur Vernunft, zur Mitverantwortung und zur Empfindung — nicht in einer Schöpfungsordnung, die ihn niemals gefragt hat.

VII–IX

Natur, Atheismus und das Leben ohne Garantien

Die metaphysische Grundlage des weltlichen Humanismus ist ein konsequenter Naturalismus.39 Die Natur wird nicht als Kulisse für den Menschen verstanden, nicht als Schöpfung eines göttlichen Willens — sondern als das Eine und Ganze, das unhintergehbar, unbesiegbar und in sich selbst schöpferisch ist. Der Mensch ist Sternenstaub besonderer Art.40

Aus diesem Naturalismus folgt: Die Welt hat weder Anfang noch Ende im theologischen Sinne. Die einfachere und ehrlichere Antwort lautet schlicht: Die Welt ist da. Die tiefsinnigste Einsicht des weltlichen Humanismus lautet: Der Atheismus bedeutet nicht den Verlust von Liebe, Bekenntnis und Gemeinschaft — er bedeutet lediglich den Verzicht auf Glauben und Hoffnung als oberste Kategorien. Was bleibt? Die Liebe allein.47

X–XII

Freundschaft, Spiritualität und die Immansität des Universums

Es gibt Verbindungen unter Menschen, die über das Gewöhnliche weit hinausgehen: nicht Verwandtschaft, nicht Gewohnheit, nicht Interesse — sondern eine Freundschaft, die sich ihrer selbst als Zweck genügt. Warum liebte man sich? Weil er es war. Weil ich es war.50

Spiritualität ohne Gott — ist das nicht ein Widerspruch? Nur wenn man vergisst, dass Spiritualität älter ist als alle Religionen. Wer in einer klaren Nacht den Blick zum Sternenhimmel hebt und die Milchstraße betrachtet — hundert Milliarden Sterne, deren nächster dreißigtausend Milliarden Kilometer entfernt ist — dem öffnet sich etwas, das keine religiöse Sprache zwingend macht, aber jede religiöse Sprache verständlich macht. Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckte Pascal.55 Es beruhigt den weltlichen Humanisten: Das Ferne befreit davon, weil es die kleinen Sorgen des engen Ichs in ihrer wahren Proportion zeigt.

XIII–XIV

Konstruktive Resignation und Geschichte ohne Garantien

Wie lebt man würdevoll in einer Welt ohne Gott, ohne vorgegebenen Sinn, ohne transzendente Garantien?64 Der weltliche Humanismus antwortet mit einer Haltung, die er konstruktive Resignation nennt. Sie borgt von der Stoa die entscheidende Unterscheidung: Es gibt Dinge, die in unserer Macht stehen, und Dinge, die nicht in unserer Macht stehen. Wie wir damit umgehen — das liegt in unserer Macht.65

Der weltliche Humanismus ist keine Fortschrittsphilosophie. Er glaubt nicht an den unaufhaltsamen Marsch der Geschichte auf ein gutes Ende hin.68 Geschichte bleibt offen. Errungenes ist nicht unverlierbar. Freiheit ist nicht selbstverständlich. Humanität ist kein naturgesetzlicher Endzustand — sie ist eine stets neu zu erkämpfende, stets gefährdete Möglichkeit.

XV–XVI

Das Paradies ist jetzt — das Leben als lebendiges Ganzes

Die einzige Ewigkeit, die wir kennen können, ist die Ewigkeit des Augenblicks. Was einmal wirklich geschehen ist — eine Liebe, eine Freude, ein Staunen — dem kann die Zeit nichts mehr nehmen. Es wird auf ewig wahr sein, dass es war.71

Jedes Leben, so verstanden, ist empfangen — und muss dennoch erfunden werden. Das ist der schönste und schwierigste Satz über die Bedingung des Menschen. Alles, was wir sind, haben wir empfangen. Aber wie wir damit umgehen — das bleibt uns überlassen, ist uns überlassen, allein uns.75

„Die Liebe schenkt Leben, nicht die Hoffnung; die Wahrheit befreit, nicht der Glaube."

— Olaf Gramstedt
Bibliographie und Anmerkungen (Auswahl)
1–6Blumenberg, Hans: Lebenszeit und Weltzeit. Suhrkamp 2001. — Sartre, J.-P.: L'existentialisme est un humanisme, 1946. — Rosa, Hartmut: Resonanz. Suhrkamp 2016.
7–9Blumenberg, Hans: Beschreibung des Menschen. Suhrkamp 2006. — Reeves, Hubert: Poussières d'étoiles. Seuil 1984.
10–22Montaigne, Michel de: Essais (1580/1588). Éd. Villey-Saulnier. — Comte-Sponville, André: Traité du désespoir et de la béatitude. PUF 1984–88.
23Kahl, Joachim: Das Elend des Christentums. Rowohlt 1968. — Weltlicher Humanismus. Alibri 2005.
39–48Comte-Sponville, André: L'esprit de l'athéisme. Albin Michel 2006. — Spinoza, Baruch: Ethica ordine geometrico demonstrata, 1677.
49–55Montaigne: Essais, I, 28 (De l'amitié). — Pascal, Blaise: Pensées, éd. Brunschvicg, fr. 206.
64–75Epiktet: Handbüchlein der Moral (Encheiridion). — Camus, Albert: Le mythe de Sisyphe. Gallimard 1942. — Nietzsche, Friedrich: Die fröhliche Wissenschaft, §276.
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