Reportage Politische Ökonomie DE / FR

Ihr da oben – wir da unten

Chronik einer Kluft, die sich beschleunigt — nach Engelmann & Wallraff, 1973

Es lohnt sich, leise zu beginnen. Nicht mit Zahlen, sondern mit einem Bild. Einer Tür. Einer schweren, dunkel ledergepolsterten Tür auf der einen Seite, die fast lautlos aufgeht und in gedämpfte Salons führt, wo die Luft nach gewachstem Holz und kaltem Zigarrenrauch riecht, wo Gespräche mit gedämpfter Stimme um massive Mahagonitische kreisen, wo Vermögen in Milliarden gemessen werden und die Zeit wie eingefroren scheint.

Auf der anderen Seite eine leichtere, fast zerbrechliche Tür, die in Leben führt, die in Monaten gezählt werden: enge Treppenhäuser, winzige Küchen, Mieten, die am Lohn nagen, Rechnungen, die sich stapeln, und Zukünfte, die sich von Woche zu Woche bemessen.

Diese Distanz hatten Bernt Engelmann und Günter Wallraff bereits 1973 nicht als vorübergehende Anomalie beschrieben, sondern als Struktur, als tief eingeschriebene Logik der deutschen — und mehr noch der europäischen — Wirklichkeit.1 Diese Logik ist heute nicht unterbrochen. Sie hat sich beschleunigt.

I

Die Logik des Reichtums — gestern und heute

Bei Engelmann und Wallraff ist Reichtum nie eine abstrakte Größe. Er besitzt eine Geschichte, eine Genealogie, eine fast physikalische Trägheit. Er wird vererbt, geschützt, in Stiftungen und Familienholdings gegossen, verwandelt — und verschwindet nicht. Krupp, Flick, Thurn und Taxis: Diese Namen stehen nicht nur für Personen, sondern für Kontinuitäten, die Kriege, Währungsreformen und politische Umbrüche überdauert haben.2

Vermögen ist kein Ausgangspunkt, sondern das akkumulierte Ergebnis oft generationenübergreifender Prozesse. Einmal erreicht, reproduziert es sich von selbst — durch Zinseszins, Steueroptimierung, Netzwerke und ein stilles, aber wirkmächtiges „Recht des Stärkeren" im Kapital.

II

Deutschland — die Zahlen

In Deutschland bleibt der Reichtum diskret, fast lautlos. Er verbirgt sich hinter Familienstrukturen, Stiftungen, diskreten Industriekonglomeraten. Dennoch ist er massiv. Der reichste Deutsche, Dieter Schwarz (Lidl/Kaufland), verfügt über ein Vermögen von rund 62,5 Milliarden US-Dollar.3 Die obersten 10 % der Haushalte besitzen mehr als die Hälfte des gesamten Privatvermögens — aktuell etwa 58,5 %.4 Gleichzeitig lebt fast jede sechste Person in Armut oder an deren Schwelle: Die Armutsgefährdungsquote liegt bei 16,1 %.5

Seit 2020 sind die Vermögen der deutschen Milliardäre um rund 81 % gewachsen — während die Reallöhne in weiten Teilen stagnierten oder sanken.8 Die Koexistenz dieser beiden Realitäten erzeugt keinen sichtbaren Bruch. Sie wird normal.

Methodischer Hinweis: Alle hier verwendeten Daten stammen aus primären amtlichen Quellen — Destatis, Deutsche Bundesbank (DWA), INSEE, Banque de France, Oxfam, Forbes. Wo zwischen diesen Quellen Abweichungen bestehen, werden diese im Text explizit benannt.
III

Frankreich — Deux mondes, une société

In Frankreich ist das Bild noch schärfer konturiert. Bernard Arnault und seine Familie, Eigentümer des Konzerns LVMH, verfügen über ein Vermögen von etwa 154 Milliarden US-Dollar — Stand April 2026.9 Auf der anderen Seite des sozialen Spektrums: 9,8 Millionen Menschen lebten 2023 unter dem Armutsgrenze von 1.288 Euro netto im Monat, was einem Armutsanteil von 15,4 % entspricht — dem höchsten Wert seit Beginn der INSEE-Zeitreihen.10

Die Banque de France beziffert den Anteil der reichsten 10 % am Gesamtvermögen auf über 50 %. Die ärmsten 50 % der Bevölkerung teilen sich 7 % des nationalen Vermögens.11 Der Gini-Koeffizient für Vermögen liegt bei 0,652 — die Ungleichheit im Vermögen ist damit mehr als doppelt so stark ausgeprägt wie die Ungleichheit der Einkommen.

IV

Was die Zahlen nicht zeigen — und was sie zeigen

Die reine Abbildung von Zahlen wäre Statistik, nicht Kritik. Was die Zahlen zeigen, ist nicht ihre eigene Erklärung. Vermögenskonzentration ist das Ergebnis von Regeln — Regeln über Erbschaftsteuer, Kapitalertragsbesteuerung, Unternehmensrechtsformen, Steueroptimierungsmöglichkeiten. Diese Regeln sind keine Naturgesetze. Sie wurden gemacht. Sie können geändert werden.

Die Frage, die sich stellt, ist nicht: Ist Ungleichheit schlimm? — Das ist trivial. Die Frage lautet: Ab welchem Grad untergräbt Ungleichheit die Voraussetzungen ihrer eigenen Legitimation? Wenn Vermögen in großem Umfang politischen Einfluss kaufen kann — Medien, Lobbyisten, Wahlkampffinanzierung —, dann ist formale Demokratie eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung politischer Gleichheit.

V

Demokratie und Ungleichheit — eine strukturelle Spannung

Engelmann und Wallraff haben das 1973 in einer Sprache gesagt, die heute nicht weniger gilt: Die, die oben sind, haben keine Mehrheit. Sie haben etwas anderes — und das ist wirkmächtiger als Mehrheiten: Sie haben Zeit, Netzwerke und Ressourcen, um die Regeln zu gestalten, nach denen gespielt wird. Die, die unten sind, haben die Stimmzettel. Aber Stimmzettel ohne Information, ohne Zeit, ohne Energie zur politischen Teilhabe sind stumpfe Instrumente.

„Die Demokratie verteilt die Stimmzettel gleich. Sie verteilt nicht die Voraussetzungen, sie sinnvoll zu nutzen."

— O. Gramstedt
VI

Was zu tun wäre — und warum es nicht getan wird

Das ist keine Ratlosigkeit. Es gibt Antworten — politisch durchdachte, empirisch gut untermauerte Antworten: Progressive Vermögensteuer. Schließung von Erbschaftsteuer-Schlupflöchern. Steuertransparenz für Großkonzerne. Stärkung von Tarifverträgen und Mitbestimmung. Investitionen in Bildung als Vermögenstransfer der anderen Art.

Die Frage ist nicht, ob diese Instrumente wirken würden. Sie tun es — die Evidenz ist eindeutig. Die Frage ist, warum sie nicht angewandt werden. Und die Antwort darauf ist keine technische, sondern eine politische: Weil diejenigen, die am meisten von den gegenwärtigen Regeln profitieren, auch die größten Ressourcen haben, sie zu verteidigen.

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Version française

Eux là-haut — nous en bas

Chronique d'une inégalité qui s'accélère — d'après Engelmann & Wallraff, 1973

Tout commence non pas par un fracas, mais par une image. Deux portes. D'un côté, une porte lourde et capitonnée qui s'ouvre sur des salons feutrés où les fortunes se mesurent en milliards. De l'autre, une porte légère, presque fragile, qui ouvre sur des vies comptées en semaines : escaliers étroits, cuisines minuscules, loyers qui rongent le salaire. Cette distance, Bernt Engelmann et Günter Wallraff l'avaient décrite en 1973 non comme une anomalie passagère, mais comme une structure profondément inscrite dans la réalité européenne.1 Cette logique n'a pas été interrompue. Elle s'est accélérée.

En France, la concentration du patrimoine est documentée avec une précision inédite : les 10 % des ménages les mieux dotés détiennent plus de 50 % du patrimoine brut total, tandis que les 50 % les moins dotés se partagent seulement 7 %.11 En 2023, 9,8 millions de personnes vivaient sous le seuil de pauvreté monétaire — soit 15,4 % de la population française, le taux le plus élevé mesuré par l'INSEE depuis le début de ses séries.10

La démocratie distribue les bulletins de vote de manière égale. Elle ne distribue pas les conditions qui permettent de les utiliser de manière sensée.

Quellen / Sources — verifizierte Primärquellen
1Engelmann, Bernt & Wallraff, Günter (1973): Ihr da oben – wir da unten. Köln: Kiepenheuer & Witsch.
2Ebd. — Genealogie der großen Vermögen; Kontinuität über Kriege und Währungsreformen.
3Forbes (2026): Real-Time Billionaires List, April 2026. — Vermögen Dieter Schwarz.
4Deutsche Bundesbank (2024): Verteilung der Vermögen privater Haushalte in Deutschland (DWA). — 10-%-Anteil: 58,5 %.
5Destatis (2025): Armutsgefährdungsquote, Mikrozensus 2024. — 16,1 %.
8Oxfam Deutschland (2024): Ungleichheit in Deutschland — Bilanz seit 2020. — +81 % Milliardärsvermögen.
9Forbes (2026) : Real-Time Billionaires List, avril 2026. — Patrimoine Bernard Arnault & famille : env. 154 Mrd. USD.
10INSEE (2025) : INSEE Première n° 2063, juillet 2025. — Taux de pauvreté France 2023 : 15,4 %.
11Banque de France (2024) : Comptes distributionnels du patrimoine des ménages. — INSEE, Enquête Histoire de vie et patrimoine 2024.
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